Grensing

Business Technology Consulting GmbH

Wann brauchen Unternehmen SAP IBP?

2020-01-15

Logistikplanung spielt nicht in allen Unternehmen die gleiche Rolle. Für manche Unternehmen ist Produktionsplanung eher eine geheiligte rituelle Handlung, andere vertrauen dagegen auf die Vorteile dezentraler Selbststeuerung. Ob der eine oder der andere Weg besser ist, lässt sich pauschal nicht so einfach beantworten. Branche, Wettbewerbsumfeld, Produktstruktur und Unternehmenskultur bestimmen den optimalen Planungsansatz maßgeblich - und der ist für die meisten Unternehmen in der Regel irgendwo in der Mitte dieses Spektrums.

Historisch gesehen war es für SAP-Anwender seit der Einführung von SAP R/3 Anfang der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts nicht immer ganz einfach, aus der Sammlung der verfügbaren mehr oder wenigen ausgereiften Werkzeuge für die Logistikplanung diejenigen zusammenzustellen, die unter vertretbarem Anwenderaufwand sinnvolle und wertbringende Planungsergebnisse lieferten.

Dabei spielte vor allem der MRP von Anfang an eine zentrale Rolle und ist bis heute üblicherweise der Kern jeglicher Material- und Produktionsplanung. Im Alltag wird dadurch jedoch meistens nur ein kleiner Teil der Planungsaktivitäten abgedeckt. Viel erfolgt nach wie vor per Tabellenkalkulation und vergleichbaren Lösungen.

Für die Implementierung von Planungsprozessen im SAP-Umfeld war die Entwicklung und Praxisreife von APO (Advanced Planner and Optimizer) maßgeblich: Bedarfsplanung, Supply Network Planning und Produktionsfeinplanung waren seither Gebiete, die unter großem Aufwand und erheblicher Komplexität abgebildet werden konnten - Unternehmen mit einer großen Abhängigkeit von standardisierten Planungsprozessen konnten aber in hohem Maße von den Möglichkeiten profitieren, die dort zur Verfügung standen.

Von der Restrukturierung der Anwendungslandschaft im Rahmen der Umstellung von S/4-HANA ist insbesondere APO betroffen: lediglich PP/DS - das Modul für die Produktionsfeinplanung - bleibt (als Bestandteil von S/4-HANA) erhalten - die Module für Bedarfsplanung und Supply Network Planung entfallen mittelfristig.

An dieser Stelle kommt IBP (Integrated Business Planning) ins Spiel: seit einigen Jahren steht diese Lösung als cloudbasierte Planungslösung von SAP zur Verfügung und wird in vierteljährlichen Releases ständig weiterentwickelt. Dabei ist IBP ein Werkzeugkasten mit unterschiedlichen Bausteinen, die im Zusammenspiel mit S/4 (oder ECC) individuelle Prozesszusammenstellungen und Problemlösungen ermöglicht.

Der Schwerpunkt der in IBP vorhandenen Funktionalitäten betreffen die taktische Planung. Zwar ist mit dem "Response and Supply" Modul eine Unterstützung operativer Prozesse möglich, dessen Nutzung muss aber im Einzelfall gegen die individuellen Anforderungen - insbesondere bei der Produktionsplanung - abgeprüft werden, da insbesondere komplexe Reihenfolgeplanungen mit IBP nicht geplant und solche Anforderungen nach wie vor durch das ehemalige APO-Modul PP/DS zur Produktionsfeinplanung abgebildet werden müssen.

Es sollen daher an dieser Stelle zunächst insbesondere die taktischen Planungsfunktionalitäten betrachtet werden:

IBP for demand

"Einstiegsdroge" für die Nutzung von IBP ist die Bedarfsplanung. Bedarfsplanung kann dabei auf zwei Arten geschehen: einmal durch die Fortschreibung von Vergangenheitsdaten durch statistische Prognoseverfahren oder durch die Erfassung von Prognosen aus anderen Quellen wie z.B. der Marktforschung oder dem Vertrieb. IBP unterstützt beide Planungsmethoden und erlaubt darüber hinaus auch die intelligente Kombination beider Planungsarten. Man kann beispielsweise einen auf aggregierter Produktgruppenebene vorliegenden Marketingplan auf der Basis einer statistischen Prognose auf individuelle Materialien herunterbrechen: die Umsetzung solch einer Anforderung ist ohne großen Aufwand durch einfache Konfiguration entsprechender Kennzahlen möglich. Die statistische Prognose selbst kann durch eine weite Bandbreite statistischer Verfahren berechnet werden, mit denen ganz unterschiedliche Konstellationen an Historiendaten einfach und sinnvoll verarbeitet werden können.

Die Berechnung und Erfassung von Vorhersagedaten ist jedoch nur ein Teil der Funktionalitäten des IBP Demand Managements. Seinen wirklichen Nutzen spielt IBP aus, wenn es um die Vor- und Nachbereitung der zu beplanenden Materialien geht: neben der möglichen Bereinigung von Ausreißern in den Historiendaten und der statistischen Klassifikation von Saison-, Trend- und sporadischen Historiendaten mittels Forecast Automation ist besonders die Flexibilität der Segmentierungs-Engine eine extrem hilfreiche Ergänzung zur Klassifikation von Materialien und damit der Steuerung der Prognoseberechnung.

Abgeschlossen wird der Planungsprozess in der Bedarfsplanung durch die Fehlerberechnung und die Möglichkeit, lag-basierte Schnappschüsse anzulegen, abzuspeichern und auszuwerten. Selbstverständlich können beliebig viele unterschiedliche Planversionen und benutzerspezifische Planungsszenarien angelegt werden. Der gesamte Planungsprozess kann aber auch durch Batchprozesse gesteuert "komplett unbeaufsichtigt" abgewickelt werden.

Die Einbindung in die restliche SAP-Welt des Anwenders erfolgt über die CPI/DS-Schnittstelle. Diese bietet einen hohen Grad an Flexibilität, individuelle Anforderungen an die Übertragung und Konvertierung erforderlicher Stamm- und Bewegungsdaten abzubilden. Dies kann in der Praxis im Einzelfall unverhältnismäßig hohen Aufwand bedeuten, weil die Komplexität der der CPI/DS zu Grunde liegenden Technologie in der Entwicklungsphase immer wieder für die ein oder andere Überraschung gut ist - der Produktivbetrieb hat sich jedoch in aller Regel als sehr stabil gezeigt.

Das Resultat der Bedarfsplanung kann als Planprimärbedarf entweder an den MRP, das PP/DS-Modul oder innerhalb von IBP für die weitere Verarbeitung weitergegeben werden.

IBP for inventory

Prognosen können falsch sein. Damit Kunden in jedem Fall trotzdem beliefert werden können, sind Sicherheitsbestände erforderlich. Deren Höhe kann man statistisch auf der Basis von Prognosefehler, Lieferzeit, Lieferzeitvariabilität und dem gewünschten Service Level berechnen. Genau das tut IBP for inventory - es geht jedoch darüber hinaus: erfolgt die Auslieferung zum Kunden über ein mehrstufiges Distributionsnetzwerk, ist IBP for inventory in der Lage, die Sicherheitsbestände lokationsübergreifend zu optimieren (Multi-Echelon-Optimierung). Damit ist es möglich, gleichzeitig Bestände zu minimieren und den Service Level gegenüber dem Kunden aufrecht zu erhalten. Die Multi-Item-Optimierung, bei der die Einhaltung des Service-Levels materialübergreifend optimiert wird, ist jedoch in IBP for inventory nicht möglich.

Mit dem Resultat der Sicherheitsbestandsberechnung können die Stammdaten des MRP gefüttert und somit die operative Umsetzung der Planung sichergestellt werden.

IBP for sales & operations

Die Ergebnisse der Bedarfs- und Sicherheitsbestandsplanung stellen zunächst einmal nur die Nachfrageseite dar. Unbeantwortet ist damit noch die Frage, ob das Unternehmen überhaupt in der Lage ist, diese Nachfrage zum richtigen Zeitpunkt zu decken. IBP for sales & operations hat die Aufgabe, diese Frage zu beantworten und stellt dem Planer Werkzeuge zur Verfügung, in Konfliktsituationen Alternativen zu erarbeiten. Dabei ist die Vorgehensweise ähnlich, wie man es aus der operativen Abwicklung mit dem MRP kennt: IBP löst alle Stücklisten und Arbeitspläne auf und ermittelt die externen und internen Lieferanten. Im ersten Schritt erfolgt mit der "Time-Series based Supply Planning"-Heuristik eine was-wäre-wenn-Rechnung: die maximale Kapazität von Produktionsressourcen kann dabei überschritten werden und Bestände können negativ werden: entscheidend ist es, solche Situationen zu identifizieren. Der Planer kann nun die "Time-Series based Supply Propagation"-Heuristik nutzen, um mittels einem rückwärts berechneten "MRP" die Auswirkungen von Beschränkungen auf die Kundenseite zu simulieren. Darüber hinaus steht eine finite Planungsheuristik zur Verfügung, mit der die Auswirkungen von Beschaffungs- und Herstellprioritäten analysiert werden können.

Es ist aus Anwendersicht traditionell problematisch, was mit den Ergebnissen einer Sales & Operations Planung passiert. So kann man zwar die an die operative Planung übergebenen Bedarfe an die machbaren Mengen und Termine anpassen, dies muss jedoch transparent für die nachfolgende operative Planung erfolgen: zieht der S&OP-Planer Produktionsmengen terminlich aus Kapazitätsgründen nach vorne, wäre es unsinnig wenn der Produktionsplaner die Mengen danach wieder nach hinten schiebt, weil die dazugehörigen Aufträge ja erst später liegen.

Werden die S&OP Ergebnisse nicht automatisch operativ berücksichtigt, muss ihre Verwendung anderweitig sichergestellt werden. Dies bringt Planer oftmals in Konfliktsituationen zwischen unterschiedlichen Zielen (z.B. Bestandsminimierung vs. Lieferfähigkeit) weswegen es immer wieder Unternehmen gibt, die über ein aufwändig erstelltes S&OP System verfügen, es aber in der Praxis nicht nutzen, da es auf diese Weise einfacher ist, die notwendigen Konflite zu vermeiden.

Was gibt es sonst noch?

Der Vollständigkeit halber müssen drei weitere Module betrachtet werden: da ist zunächst der "Supply Chain Control Tower". Bei diesem Werkzeug werden die Fähigkeiten von IBP genutzt, heterogen anfallende Daten zentral zu visualisieren. Liegt operativ eine einheitliche SAP-Landschaft vor, ist dies weniger interessant, da entsprechende Auswertungen in aller Regel bereits in einem Business Warehouse zur Verfügung stehen. Liegt jedoch eine komplexe, heterogene Systemlandschaft vor, kann der Supply Chain Control Tower bequem genutzt werden, an unterschiedlichen Orten anfallende Daten sichtbar zu machen. Darüber hinaus enthält der Supply Chain Control Tower Werkzeuge, die in den anderen Modulen genutzt werden können: so können "Prozesse" als eine Art Workflow definiert werden, über die der aktuelle Stand wiederkehrender Planungsprozesse oder aktueller Maßnahmen zur Ausnahmebehandlung komfortabel nachverfolgt werden können. Interessierte Unternehmen sollten aber im Einzelfall prüfen, ob diese Funktionalität die zusätzlichen Lizenzkosten für das Control Tower Modul rechtfertigt.

Über "Demand Driven Replenishment" werden ich demnächst einen eigenen Artikel erstellen. Hierbei geht es darum, in der Produktion Sicherheitsbestände auf Komponentenebene vorzuhalten mit dem Ziel, Vorlaufzeiten zu verkürzen. IBP kann dabei die dafür kostenoptimalen Komponenten identifizieren und deren notwendige Bestandshöhe berechnen.

Mit "Response and Supply" steht schließlich eine Lösung zur Verfügung, die eine operative Logistikplanung mit IBP ermöglicht. Dies ist vor allem für Unternehmen interessant, die primär Mengen und Termine beplanen - also keine plantafelbasierte Produktionsfeinplanung auf Vorgangsebene erforderlich ist. IBP stellt dabei zwei Optimierer zur Verfügung: einmal wird bereits der S&OP Prozess durch einen Optimierer unterstützt, so dass bereits mit dem Resultat der mittelfristigen Planung entweder die Lieferfähigkeit oder die Profitabilität maximiert wird. Im kurzfristigen Horizont führt Response and Supply diese Planung auf Auftragsbasis durch und erlaubt mit einer speziellen Applikation, Bottlenecks zu identifizeren und Alternativen festzulegen. Gleichzeitig können von IBP aus Kundenaufträge im ECC oder S/4-System bestätigt oder umterminiert werden und über Allokationen zukünftige Verfügbarkeiten bekanntgemacht werden.

Wie sollten Sie vorgehen?

Ordnen Sie Ihre Prozesslandschaft und definieren Sie Ziele. Mit welchen Werkzeugen können Sie diese Ziele erreichen? Brauchen Planer interaktive Tools oder geschieht Planung im Hintergrund? Kommt in Ihrem Bild IBP vor, fangen Sie idealerweise mit der Bedarfsplanung (mit oder ohne Sicherheitsbestandsberechnung) an und sammeln Sie Erfahrungen: in der Praxis "fühlt" sich ein cloudbasiertes zeitgemäßes Planungssystem anders an, als bisherige Werkzeuge. Das sollten Sie zu Ihrem Vorteil nutzen!

Gestalten Sie Ihren Erfolg!